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Wenn du diese Funktionen verstehst, öffnest du das Tor zur kollektiven Intelligenz

Aktualisiert: 5. Jan.


So klappt die kollektive Beratung: Wichtigste Funktionen einfach erklärt!


Vor langer Zeit saß eine Gruppe von Menschen abends am Kamin zusammen. Sie bildeten eine Gemeinschaft, sie kannten und schätzten sich. Sie wärmten ihre Gesichter am Feuer und erzählten lebendige Geschichten aus ihrem Tag. Da wurde langsam spürbar, dass ein junger Mann immer nur betrübt vor sich her blickte und nicht an der Unterhaltung teilnahm. Irgendwann meldete er sich und sprach die Worte: „Ich habe ein Problem und weiß nicht weiter, könnt ihr mir helfen?“ Liebevoll wandte sich die Gruppe ihm zu. Sie wussten genau, was jetzt zu tun ist, denn sie haben es schon Tausende Male gemacht. Der junge Mann wird nicht weggeschickt, um das Problem mit sich selbst auszumachen. Ihm wird auch kein 1:1-Coaching mit einem Experten empfohlen. Nein, diese Gruppe beherrscht nämlich die Kunst der kollektiven Beratung. Eine Methode, mit der Weisheit aus der Gruppe heraus entsteht und einem Menschen gezielt damit geholfen werden kann.

Die Großmutter, die Älteste hier im Raum, die in solchen Momenten das Wort ergreift, sprach: „Wir beraten dich gerne. Fang doch einmal damit an, uns zu erzählen, was dich bedrückt …“ Und damit begann die Beratung.


Welche Fähigkeiten besitzt die Gemeinschaft aus dieser Geschichte, die in einer individualistischen Gesellschaft oft fehlen? Kann man diese Kompetenzen wieder erlernen? Wie lässt sich verhindern, dass der Hilfesuchende mit Ratschlägen überrannt wird oder falsche Schlüsse aus seinem sich verletzlich Zeigen gezogen werden?


Die Antwort ist überraschend klar, und jeder Mensch kann lernen, worauf es in einer Beratung ankommt und wie kollektive Weisheit auch im eigenen Leben und Umfeld etabliert werden kann. Entscheidend ist, die wichtigsten Beratungsfunktionen zu kennen und anzuwenden.


Hier folgt alles, was du wissen musst, um das Tor zur kollektiven Intelligenz zu öffnen:


  1. Die Moderation


Die Moderation ist die wichtigste Funktion, damit ein Beratungsprozess gelingen kann. Sie verfügt über systemisches Wissen, weiß, wie eine Beratung abläuft, und kennt die innere Haltung, die eingenommen werden muss, damit die Weisheit der Vielen überhaupt entstehen kann.


Das musst du unbedingt über die Rolle der Moderation verstehen:


Wenn du moderierst, bedeutet das nicht, dass du das Zepter in der Hand hältst und bestimmst, welche Meinung die richtige ist. Ja, du hast zwar auf struktureller Ebene eine übergeordnete Rolle, das bedeutet: Du bestimmst, wer wann sprechen darf, allerdings sind auf inhaltlicher Ebene alle Mitglieder gleichgestellt. Das kannst du dir so vorstellen: Die Moderation hält das Steuer in der Hand, aber bestimmt nicht den Kurs des Schiffes.

Viel eher nimmt sie eine dienende Haltung ein. Sie stellt sich in den Dienst einer Gruppe und übernimmt die wichtige Aufgabe, für den Nährboden zu sorgen, den die Mitglieder zum Blühen brauchen.


Cheatsheet: Das sind alle Aufgaben der Moderation im Überblick:


  • Gemeinsame Ausrichtung: Immer wieder richtet die Moderation den inneren Kompass des Teams ein. Das gelingt durch einleitende Worte zum Grund des Zusammenkommens und zum Ablauf des Treffens. Gegebenenfalls wird ein Kennenlernen ermöglicht und das Stimmungsbild abgefragt.


  • Wissensvermittlung: Es ist wichtig, dass alle Mitglieder der Gruppe über den für den Prozess nötigen Wissensstand verfügen. Das bedeutet: offene Fragen werden geklärt und alle verstehen den Ablauf.


  • Die Moderation führt durch folgende 5 Schritte:

    • Vorstellung des Themas

    • Fragerunde mit Fragen aus der Gruppe

    • Beratungsteil

    • Konsenssuche

    • Abschluss und Zusammenfassung


  • Wahrung der Spielregeln: Die Moderation achtet darauf, dass alle mit Respekt behandelt werden. Es ist wichtig, auch leise Stimmen zu Wort kommen zu lassen und niemand auszugrenzen.


  • Wahrung des Ziels: Konstruktive Begleitung des Teamprozesses in Richtung Aufgabenerfüllung und Zielerreichung. Auch während des Prozesses wird immer wieder an das vorab bestimmte gemeinsame Ziel erinnert.


  • Wahrung der Zeit: den zeitlichen Rahmen (zum Beispiel 2 Stunden) stecken und rechtzeitig das Thema zu einem Abschluss führen.


  • Die Moderation ist das Sprachrohr für den Teamgeist.

    Die Moderation hat die Aufgabe, den Teamgeist einzufangen und der ganzen Gruppe zurückzuspiegeln. Erst dann ist die Wahrnehmung der Gruppe als Einheit möglich und Konsens kann entstehen.

    Wichtig ist dabei, immer wieder die Meinungen der Gruppe zu überprüfen und zusammenzufassen. Zusammenfassungen sind entscheidende Kontrollpunkte für das kollektive Verständnis des Themas.


  • Konsens ermitteln: Punkte, die von mehreren Mitgliedern aufgegriffen werden, können in einem Konsens formuliert und zur Abstimmung gegeben werden („Sind wir uns alle einig, dass …?“). Hier liegt der Schlüssel der kollektiven Beratung, und wenn dieser Schritt gelingt, entsteht die Magie der kollektiven Weisheit. Eine Weisheit, die tiefer geht als Einzelmeinungen und sich durch eine besondere Qualität und Nachhaltigkeit auszeichnet.


  • Schlussfazit: Die Errungenschaften der Gruppe werden am Ende noch einmal zusammengefasst, sowie abschließende Worte formuliert, die den Mitgliedern ein Gefühl von Abgeschlossenheit vermitteln.



  1. Gastgeber mit Thema


Ohne Thema gibt es keine Beratung. Der Gastgeber ist die Person, die zu der Beratung einlädt. Oft mit Worten wie: „Hallo, ich habe aktuell ein Thema mit … Ich schätze deine Meinung sehr, deshalb möchte ich dich gerne zu einer Beratung einladen. Ich würde mich freuen, wenn du kommst.“


Die Aufgaben als Gastgeber/in: 


  • Teamzusammenstellung und Auswählen eines Moderators/einer Moderatorin

  • Organisation des Raums (virtuell oder physisch)

  • Einladungen

  • Anliegen klar formulieren: Je klarer die Frage ist, die der Gruppe übergeben wird, desto besser funktioniert der Prozess.

  • Sich zurücklehnen und dem Gruppenprozess vertrauen. Klingt einfach, ist es nicht immer, lohnt sich aber! :)


Ausgleich von Geben und Nehmen:

Immer wieder begegnen uns Menschen, die mit der Vorstellung hadern, andere um Hilfe zu fragen. Haben sie dabei Angst, in eine Schuld zu kommen?

Dabei sieht die Realität ganz anders aus! Viele Menschen freuen sich sehr über das Beziehungsangebot. Menschen teilen gerne ihr Wissen und ihre Erfahrungen, um helfen zu können. Außerdem entsteht in einer kollektiven Beratung immer auch ein Gemeinschaftsgefühl, das für alle Beteiligten als sehr wertvoll und energetisierend wahrgenommen wird.

Individuell kann man sich aber überlegen, ob man das Beratungsteam als Gastgeber/in bei sich zu Hause auch mit Getränken und Essen versorgen möchte, damit sich das Gefühl breitmacht: Das Geben und Nehmen ist im Ausgleich.

Die Unify-Erfahrung zeigt: Ein Danke ist oft schon genug, und die meisten Menschen können aus einer Beratung genauso viel mitnehmen und lernen, wie sie geben.



  1. Das Beratungsteam


Das Besondere ist, jeder Mensch kann an einer kollektiven Beratung teilnehmen, sofern eine gemeinsame sprachliche Basis vorhanden ist. Vorkenntnisse sind nicht nötig, denn in einem gut moderierten Beratungsprozess finden die meisten Menschen auf ganz natürliche Weise ihren Platz.


Wenn du trotzdem wissen willst, wie gutes Beraten in Abgrenzung zu grobem"Ratschlagen" funktioniert, dann lese hier weiter:


Deine Hauptaufgabe in der Beratungsfunktion besteht darin, bei der Überwindung eines konkreten Problems zu unterstützen. In der kollektiven Beratung geschieht dies im Austausch mit einer Gruppe von 4 bis 8 Personen, wobei eine vielfältige Zusammensetzung (etwa im Bezug auf Alter, Geschlecht und Hintergrund) die Qualität der Ergebnisse deutlich erhöhen kann.


Doch Vorsicht! Vielfalt ist ein hochkomplexer Zustand, der nicht automatisch positiv wirkt. Damit sie ihr Potenzial entfalten kann, braucht es spezifische Kompetenzen.


Genau deshalb gibt es klare Prinzipien und Werte, an denen du dich orientieren kannst, um zu einem gelingenden Beratungsprozess beizutragen.


Beachte folgendes während der Fragerunde:


  • Erst verstehen, dann beraten: In der Fragerunde geht es darum, die Fakten der Situation und die Werte der Person zu verstehen. Alle Fragen sollten darauf hinauslaufen. Versuche, deine Meinung in dieser Phase zurückzuhalten und Suggestivfragen sowie andere Formen der Einflussnahme zu vermeiden.


  • Dem eigenen Kompass folgen: Es gibt nicht den einen, klaren Weg zu den „richtigen“ Fragen. Manchmal sind es Umwege, die zu mehr Klarheit führen. Vertraue deshalb auf deine Intuition!


Sobald die Beratung startet, bedenke:


  • Keine Scheu, das Falsche zu sagen! Sobald du Teil des Beratungsteams bist, sind deine Gedanken wichtig und willkommen. Dabei ist nicht die Länge oder das Auftreten das Hauptkriterium für die Qualität. Wie wichtig sind doch die Rosinen für den Geschmack eines Kuchens, auch wenn das Mehl mehr Volumen einnimmt? Versuche, Vertrauen in deine Beiträge zu haben und den Mut, sie so klar wie möglich und umfassend wie nötig zu teilen.


  • Ein Punkt wird zum Strichpunkt → Ein Standpunkt zum Startpunkt. Die Wahrheit beginnt zu zweit, und der Einspruch des anderen ist dafür essenziell. Jede Meinung, die man anfangs vertritt, kann und darf sich mit den Einwänden der anderen verändern und weiterentwickeln. Sich auf andere einzulassen bedeutet, auch ihre Ideen weiterzuspinnen, bis ein Gesamtwerk gewoben wird, das mehr ist als die Summe seiner Teile.


  • Trennung von Person und Meinung: Überidentifikation mit den eigenen Ideen kann den Beratungsprozess hemmen. Stattdessen hilft die Vorstellung, sich vom Besitzgedanken der „eigenen“ Ideen zu lösen und sie der Gruppe zu „schenken“. Umgekehrt bedeutet das auch, dass bei Meinungsverschiedenheiten niemals der Mensch kritisiert wird, sondern nur seine Argumente auf der Inhaltsebene, bei gleichzeitiger Wertschätzung der Person dahinter.


  • Keine Rat-Schläge: Gehe nicht rein von dir selbst aus und verteile Ratschläge, wie du es machen würdest, sondern versuche, die Situation der Person zu erfassen, dich hineinzuversetzen und dann darüber zu beraten, was individuell für diese Person das Richtige wäre.


  • Wege statt Erklärung finden: Vorsicht vor zu starker Problemorientierung, Psychologisieren und Spekulieren über Kausalrelationen. Die Frage „Was ist der Ursprung des Problems?“ hat zwar auch ihren Stellenwert, doch sollte der Fokus auf der Suche nach neuen, konstruktiven Wegen liegen.



Und jetzt du!


Jetzt kennst du alle wesentlichen Funktionen für eine kollektive Beratung sowie einige der wichtigsten systemischen Prinzipien. Dieses Wissen lässt sich nun wunderbar in verschiedenen Situationen einsetzen: bei persönlichen Problemen, Konflikten in der Familie oder dem Wunsch, in der Arbeit neue Qualitätsstandards zu erreichen.


Kannst du dir vorstellen, das nächste Mal, wenn du ein Problem hast, ein Beratungsteam zusammenzutrommeln? Kannst du dir vorstellen, dich an deine Freunde oder Familie zu wenden und sie um eine Beratung zu bitten?


Ja? Super, dann viel Spaß beim Ausprobieren!


Nein? Dann hinterlass uns gerne einen Kommentar oder schreib uns eine E-Mail, was du noch brauchst, um das volle Potenzial der kollektiven Weisheit auch in einem Umfeld zu kreieren.


Wir sind für euch da!


Eure Begleiter im Thema Beratung,

Das Team von Unify




Weiterführende Literatur: 


Poostchi, Kambiz: Spuren der Zukunft – vom Systemdenken zur Teampraxis." Terra Media Verlag, Berlin. Kapitel: Das Team in Aktion.


Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Differenzielle Psychologie der Kommunikation." Rowohlt Taschenbuch




Und wenn du dich noch fragst: Wer ist eigentlich Unify?


Unify ist eine international tätige Initiative für eine Kultur des Miteinanders, in der Vielfalt als Stärke genutzt wird und sich Gemeinschaft und Individualität nicht ausschließen. Wir sind überzeugt davon, dass kollektive Intelligenz der Schlüssel zur Welt von morgen ist und nachhaltige, menschenfreundliche Lösungen möglich macht.


Damit diese Idee nicht abstrakt bleibt, sondern konkret erlebbar wird, begleiten und fördern wir Menschen dabei, ein überraschend simples und zugleich hochwirksames Werkzeug zu erlernen: die kollektive Beratung.


Ob Arbeitsteam, Freundeskreis oder Familie – überall dort, wo Menschen gemeinsam denken und entscheiden, kann kollektives Beraten zu klareren Entscheidungen, stärkerem Zusammenhalt und tragfähigeren Lösungen führen.



Kleiner Tipp: Immer wieder bieten wir von Unify Beratungsabende an, bei denen du die Methoden und Prinzipien der kollektiven Beratung live erleben und selbst anwenden kannst. Melde dich gerne bei unserem Newsletter an, um über zukünftige Events informiert zu werden.




Wir freuen uns, wenn du mit uns in Kontakt bleibst!



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